Spruchauslegung


Geistliche Besinnung zum Monatsspruch für März 2020
 Jesus Christus spricht: Wachet!  Mk 13,37
 
Liebe Gemeinde,

„Halt! Stopp!“  Es ist egal wer da ruft, ob man den Menschen kennt oder nicht – sobald man so einen Ruf hört erstarrt man erst einmal unwillkürlich und orientiert sich. Der Puls geht nach oben und manch schreckhafter Mensch lässt vielleicht sogar im ersten Moment buchstäblich alles stehen und liegen, was er gerade tat oder in Händen hatte. Denn jetzt heißt es der drohenden Gefahr begegnen.

Solche Warnrufe begegnen uns im alltäglichen Leben immer wieder. Wenn der Vorgesetzte zum Gespräch bittet und sachlich die eigene Arbeitsleistung bewertet, rückt die alltägliche Trägheit und vielleicht auch Arbeitsunlust in den Hintergrund – denn an der Arbeit hängt die Selbstständigkeit und das eigene Auskommen.
 
Beim Arzt werden Testergebnisse bekannt gegeben und wieder hat sich etwas verändert. Warnzeichen werden sichtbar und plötzlich steht die Krankheit im Fokus und nur die Krankheit! Plötzlich gelten alle Bemühungen der Gesundung – alles andere muss warten bis es wieder besser steht um den Körper.
 
Das eigene Kind hat in mehreren Fächern schlechte Noten im Zwischenzeugnis – die Lehrer schicken Elternbriefe, um vor der Gefährdung des Vorrückens zu warnen. Oftmals ist
die Reaktion der Eltern ein „Halt! Stopp!“  Jetzt zählt gefälligst nur noch die Schule – alles andere muss hintenanstehen.
 
In den Versen vor der Monatslosung prophezeit Jesus den Menschen, dass in den letzten Tagen genau so etwas passieren wird, etwas Undenkbares. Er berichtet von der Zerstörung des Tempels, von Kriegen und vielen weiteren Unglücken, die den Menschen in Israel bevorstehen würden. Jedes einzelne davon schlimm genug um einen Menschen „Halt! Stopp!“ sagen zu lassen. Jedes Einzelne gewichtig genug, um zu begründen, dass die Menschen nur noch ihr ganzes Leben darauf ausrichten dieses Schicksal zu vermeiden.
 
Und doch ruft Jesus den Menschen seiner Zeit nicht zu „Halt! Stopp! Lasst alles stehen und liegen, damit es nicht so weit kommt“ Er sagt: „Wachet! – Denn ihr wisst nicht wann der Herr des Hauses komm!“ 
 
Jesus Christus ruft uns heraus aus den Verstrickungen des Alltags, um uns daran zu erinnern, dass wir auf Gott ausgerichtet sind. Er erinnert uns, dass wir uns immer wieder auf Gott besinnen und neu orientieren sollen. Anders als ein Mensch, der den Stopp-Ruf vom Anfang hört, sollen wir nicht erstarren und in einen Tunnelblick verfallen, sondern wir sind eingeladen uns in Momenten der Andacht frei zu machen von all den Alarmsignalen des Alltags und wieder zu sehen, dass wir ganz und gar von Gott gerufen sind - Zu allen Zeiten mehr sind als nur das was im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht.
 
Jesus Christus ruft uns in Erinnerung, dass unser Leben aus mehr besteht als den grellen Notsignalen und Notwendigkeiten, die uns betäuben. So sind wir eingeladen zu wachen und  auch wieder auf das zu schauen, was wir auf die lange Bank geschoben haben.
 
Ich wünsche Ihnen eine besinnliche  Fastenzeit,

Ihr Pfarrer Sebastian Roth


Auf ein Wort zur Jahreslosung 2020: Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Markus 9,24

Liebe Leserinnen und Leser,


ich sitze beim Arzt im Wartezimmer und warte. Warte auf die Ergebnisse einer Untersuchung. Je länger ich warte, merke ich, wie mir das Herz immer schwerer wird, dieses unangenehme Gefühl in der Magengrube. So oft habe ich erlebt, wie Freunde und Bekannte schwere Diagnosen erhielten, vielleicht erwischt es diesmal auch mich?
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben?“
Die Jahreslosung beschreibt ganz gut, was in diesem Moment in mir abläuft. Es streiten Gottvertrauen und Angst miteinander. Ja, ich glaube, dass Gott mich begleitet, ich vertraue auch darauf, dass er es gut mit mir meint – aber…
Es fühlt sich an wie Schritte in die Dunkelheit, ob die Finsternis trägt, das zeigt sich erst, wenn man es versucht.
So ging es auch den Menschen, die zuerst mit Jesus gezogen sind.
Die Jahreslosung erzählt von einem Vater, der Heilung für seinen Sohn erhofft und sie nicht erhält. Er war zu den Jüngern gegangen, die in Jesu Namen viele Heilungen durchgeführt haben. Doch jetzt muss er erkennen – auch diese Hoffnung wird enttäuscht. Dennoch schreit der Vater: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Der Vater ist verzweifelt und man kann ihm nachfühlen, waren alle seine Hoffnungen doch bisher ins Leere gelaufen, hatten sich als trügerisch erwiesen. Keine Behandlung hatte ansprechen wollen, jedes Wundermittel hatte versagt. Jesus sieht den Zweifel und er schont den Mann nicht: „Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Worauf der Vater brüllt: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“
Der Vater in der Geschichte, er reagiert so ehrlich wie ein Mensch es nur kann.
Natürlich glaubt er! Wäre er sonst gekommen? – Man kann die Wut förmlich spüren, die aus diesen Sätzen herausspricht.
Da ist keine Maske mehr, die die Angst und den Zweifel versteckt. Der Vater schreit seine Verzweiflung heraus, die Verwirrung darüber, dass er all das ertragen muss, die Verwirrung darüber, wozu das gut sein soll. Und erkennt, was er braucht: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Nicht nur sein Sohn bedarf der Hilfe, nicht nur die Krankheit bedarf der Heilung, sondern auch sein Glaube. Dieser Aufschrei des Vaters ist ein Gebet, das auch uns in schweren Zeiten trösten darf. Es tröstet, weil darin die Erkenntnis enthalten ist: Es muss nicht alles aus mir kommen, Gott hilft auch meinem Unglauben. Es tröstet, weil darin deutlich wird: Vor Gott dürfen wir ohne Maske erscheinen, ohne starke Fassade. Vor ihm dürfen wir unsere Klage laut werden lassen gewiss darin, dass er uns die Offenheit nicht zum Nachteil anrechnen wird.
In all den Zeiten, in denen das Leben uns scheinbar mehr aufträgt, als wir meinen tragen zu können, dürfen wir einstimmen in den Ruf:
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Ihr Pfarrer Sebastian Roth